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Die Bedeutung der Schönheit: ein Interview mit Matteo Lafranconi, Kurator von Raffaello 1520–1483

Culture

Raffaello zählt zu den bahnbrechendsten Ausstellungen des Jahrzehnts, wenn nicht sogar des Jahrhunderts. Sie wurde zu Ehren des 500. Todestages des Künstlers kuratiert und widmet sich seinen vielfältigen Arbeiten und seinem allgemeinen Einfluss auf die Kunst. Als Unterstützer der Ausstellung sprach Rocco Forte Hotels mit dem Kunsthistoriker Matteo Lafranconi, seines Zeichens Direktor der Scuderie del Quirinale und Kurator der Ausstellung.

 

Weshalb wurden die Scuderie del Quirinale als Ort für diese Ausstellung gewählt?

 

Die Scuderie del Quirinale sind ein Ausstellungsort im Besitz der Presidenza della Repubblica Italiana und werden vom Kulturministerium verwaltet. Dank ihres hohen Status aufgrund ihrer institutionellen Rolle sind sie als Veranstaltungsort besonders geeignet für Initiativen von nationaler Tragweite. Die Raffael-Ausstellung ist der zentrale Baustein eines Eventprogramms, das vom Comitato Nazionale per le Celebrazioni del Quinto Centenario della Morte di Raffaello (das Nationalkomitee zur Feier des 500. Todestages von Raffael) – gegründet vom Kulturministerium unter dem Vorsitz von Antonio Paolucci – freigegeben wurde.

 

Weshalb ist Raffael Ihrer Meinung nach auch heute noch ein Künstler von großer Relevanz?

 

Die Relevanz von Raffael, seine besondere Stellung innerhalb der Kunstgeschichte und sein Ruhm haben schon immer breite Anerkennung erfahren. Seine meisterhafte Suche nach einer ausgewogenen Vorstellung von Schönheit, die auf natürliche Weise Dynamik und Harmonie miteinander vereint, scheint jedoch nicht im allgemeinen Fokus der Öffentlichkeit zu stehen, und bisweilen auch nicht in dem der Kunsthistoriker. Hier werden oftmals exzentrischere, gigantischer wirkende oder tragischere Figuren wie Michelangelo oder Caravaggio bevorzugt.

 

Die Erwartungshaltung im Vorfeld der Raffael-Ausstellung deutet aber auf einen Richtungswechsel hin: Die „positive“ künstlerische Handschrift von Raffael als Ausdruck eines gereiften und vollkommenen Humanismus erhält eine neue Eloquenz und findet erneut Widerhall.

 

Die Ausstellung vereint auch eine Reihe von Werken, die in dieser Konstellation möglicherweise noch nie zuvor zu sehen waren. Weshalb?

 

Der außergewöhnliche Anlass des 500. Jubiläums wird von vielen als einmalige Gelegenheit erachtet, einem der vollkommensten Künstler in der Geschichte der Menschheit eine Hommage zu erweisen. Wichtig ist auch, dass dieses Jubiläum in Rom gefeiert wird, wo Raffael seine großen künstlerischen Werke vollendet und internationalen Ruhm erlangt hat.

 

Dies und die Tatsache, dass das Projekt als wissenschaftlich ambitioniert erachtet wurde, mit Beteiligung eines prestigeträchtigen internationalen Komitees, führte dazu, dass die Verleiher sich ganz besonders ins Zeug gelegt haben, was ansonsten nicht möglich gewesen wäre.

 

Sind auch Werke dabei, die man sonst nur schwer zu Gesicht bekommen würde, da sie sich in privater Hand befinden?

 

Es gibt nicht mehr viele Werke Raffaels, die im Besitz von Privatsammlern sind, die Mehrheit ist Teil öffentlicher Sammlungen. In dieser Ausstellung gibt es jedoch auch bedeutende Meisterwerke aus privater Hand, beispielsweise Musa Polimnia, die exzellente Studie für eine der im Wandfresko Der Parnaß im Vatikan dargestellten Figuren, oder das wirklich ausgezeichnete Porträt von Valerio Belli; außerdem gibt es aus Raffaels früher Phase eine Studie für das Porträt einer Frau, die erstmals öffentlich zu sehen ist.

 

Weshalb die Entscheidung, mit den letzten Werken Raffaels zu beginnen und sich dann zu den Anfängen vorzuarbeiten?

 

Wir wollten den Tod Raffaels in den Mittelpunkt rücken, dessen 500. Jahrestag wir feiern. Hinzu kommt die große symbolische Bedeutung seines Begräbnisses im Pantheon – ein leidenschaftlicher Akt der Liebe für die antike Welt, welcher Raffael in seiner kurzen, aber äußerst eindrucksvollen Karriere Ausdruck verleihen wollte.

 

Wir haben uns dazu entschieden, die Ausstellung mit seinem spektakulären Grab im Eins-zu-Eins-Format zu beginnen, wunderbar realisiert von Factum Foundation. Von dort aus erschien uns das Konzept der Rückwärtsorientierung natürlich und angemessen, denn es half uns dabei, den multidisziplinären Ansatz herauszuarbeiten, der seine letzten Jahre charakterisierte. Sein Brief an Leo X. wurde beispielsweise zu einem grundlegenden Bestandteil der Konservations- und Restaurationstheorie.

 

Können Sie uns mehr über die Beziehung zwischen Raffael und den beiden Päpsten berichten, in deren Dienst er stand?

 

Dank der beiden Päpste Julius II. della Rovere und Leo X. Medici hatte Raffael die Möglichkeit, sein gewaltiges Gestaltungstalent im großen Rahmen zu entfalten.

 

Papst Julius II. war extrem kulturbeflissen und ermöglichte Raffael die Arbeit an seinem wichtigsten Gemäldezyklus – der Sequenz für die päpstlichen Wohnungen im Vatikan, die mit der Schule von Athen endet und als Darstellung eines vollendeten Humanismus bezeichnet werden kann.

 

Leo X. gab ihm sogar eine noch größere Chance – eine Art Auftrag zur Beaufsichtigung des gesamten Kulturprogramms, mit dem der Medici-Papst Rom dabei half, seinen universellen kulturellen Führungsanspruch neu zu definieren und zur neuen Hauptstadt der Renaissance zu werden.

 

Erstmals sind die berühmten, von Raffael angefertigten Porträts der beiden Päpste wieder vereint und werden innerhalb derselben Ausstellung gezeigt.

 

Die Ausstellung kennzeichnet das 500. Jubiläum von Raffaels mysteriösem Tod – gibt es unter Kunsthistorikern einen allgemeinen Konsens bezüglich seiner Ursache?

 

Es wurde bereits viel diskutiert hinsichtlich Raffaels Tod und es besteht die Gefahr, seinen Sensationsgehalt oder seine morbiden Aspekte zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Es würde unsere Studien aber gewiss beeinflussen, wenn wir die Gründe und Umstände ein für allemal kennen würden.

 

Haben Sie ein persönliches Lieblingsexponat der Ausstellung ?

 

Für einen Kurator ist dies die schwierigste Frage. Sentimental betrachtet würde ich jedoch sagen, dass die Madonna Alba – eine Ausnahmeleihgabe der National Gallery in Washington – aufgrund ihrer perfekten friedlichen Synthese besonders berührend ist und die außergewöhnlichen Qualitäten Raffaels eindrucksvoll herausstellt.

 

Haben Sie in diesen Zeiten der Einschränkung irgendwelche Tipps für Kunstliebhaber? Gibt es virtuelle Ausstellungen oder Bücher, die Sie empfehlen können?

 

Für Menschen, die mehr über Raffael herausfinden möchten, gibt es online in den sozialen Kanälen viele Initiativen. Die Scuderie del Quirinale leisten hier mit einer Reihe von Einblicken einen Beitrag, die den Fokus auf den gemeinschaftlichen Charakter der Ausstellung richten, bei der viele Raffael-Spezialisten und -Forscher mitgewirkt haben.

 

Erleben Sie eine Online-Besichtigung von Raffaello 1520–1483 auf der Website der Scuderie del Quirinale.

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